| Das Geleitwort aus dem
Sonderheft
„Über 100 Jahre Entomologischer
Verein Apollo e.V.
Zusammengestellt und herausgegeben von
Siehe im Gesamtverzeichnis hier. |
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| Zum Geleit
Am Ende des 19. Jahrhunderts waren das Sammeln, das Beobachten und die Zucht von Insekten in vielen Bevölkerungsschichten weitverbreitete Freizeitbeschäftigungen. Entsprechend blühten zur damaligen Zeit überall entomologische Vereine auf, und auch die Entstehung zahlreicher entomologischer Standardwerke im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die über Jahrzehnte in vielen Auflagen prägenden Einfluß hatten, der teils bis heute nachhält, legt Zeugnis ab von dieser Blütezeit der Amateurentomologie. Die Entomologie als Wissenschaft stand dagegen erst am Beginn ihrer explosionsartigen Entfaltung, befruchtet von den damals noch jungen Zweigen der Evolutionslehre, Physiologie und Genetik. Dieses Verhältnis hat sich geradezu umgekehrt. Wenn heute — im Zeitalter von Multimediatechnik, weitgehender Naturentfremdung des Menschen und anhaltender Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten — ein naturkundlicher Verein sein hundertjähriges Bestehen feiern kann, so ist das Anlaß sowohl zum Rückblick auf die Geschichte als auch dazu, Geleistetes zu würdigen und einen Ausblick zu wagen. Der Weg des Entomologischen Vereins Apollo zu Frankfurt begann mit einer kleinen Gruppierung entomologisch interessierter Liebhaber und Sammler aus Frankfurt am Main und dem engsten Umland, die sich kurz vor Ende des neunzehnten Jahrhunderts zusammentaten, um ihr Wissen um Insekten auszutauschen, gemeinsame Exkursionen und gesellige Gesprächsabende zu veranstalten und insbesondere alljährlich eine große Tauschbörse zu organisieren. Und heute — nach vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Wirrnissen, zwei Weltkriegen und nach Ablauf eines Jahrhunderts, in dem die Menschheit insgesamt einen unvorstellbaren, vor allem technologisch geprägten Wandel ihrer Existenzbedingungen durchlebt hat — umfaßt der Verein etwa 550 Mitglieder und dazu Schriftentauschpartner im In- und Ausland. Zu seinen wichtigsten Aktivitäten zählt die Herausgabe einer inzwischen auch international respektierten Schriftenreihe ebenso wie die Mitwirkung an Initiativen zum Naturschutz im weitesten Sinne. Insofern hat der Verein Apollo eine beeindruckende positive Entwicklung hinter sich, ohne seine traditionellen Wurzeln in der Liebhaberentomologie verloren zu haben. |
Prof. Dr. Konrad Fiedler (auf einer Forschungsreise 1998 in Ecuador). |
Ich will hier nicht die wechselvolle Historie des Vereins im einzelnen Revue passieren lassen, sondern mich auf zwei Fragen beschränken: was haben entomologische Vereine wie der Apollo in der Vergangenheit geleistet, und welche Existenzberechtigung und Perspektiven haben sie für das 21. Jahrhundert? Das Bild — oder besser: Zerrbild — der Entomologen in der öffentlichen Meinung ist einheitlich und entspricht heute immer noch weitgehend dem berühmten Spitzweg-Klischee: versponnene Sonderlinge, die — mit Netz und womöglich Botanisiertrommel „bewaffnet“ — auf der Jagd nach den Objekten ihrer Begierde durch Wald und Flur streifen und hernach die gefangenen Insekten aufgespießt in Kabinetten horten. Zweifellos trifft manche Facette davon in der einen oder anderen Kombination auf die meisten Entomologen zu (gute Karikaturen überzeichnen ja tatsächlich vorhandene Eigenschaften, und wäre Spitzwegs Karikatur nicht gut, so wäre sie längst vergessen). Jeder Entomologe wird mit Schmunzeln eingestehen, daß sein Tun auf den Uneingeweihten erheiternd oder befremdlich wirken mag. Freilich: Wenn Bodenkundler oder Geographen, Hydrologen oder Botaniker im Freiland mit ihren Meß- und Sammelgerätschaften unterwegs sind, wirkt dies oft gleichermaßen „absurd“, und doch wird kaum jemand ihnen den fachlichen Wert ihrer Tätigkeit bestreiten wollen. Ganz offenbar ist die Entomologie geringer geschätzt als andere Bereiche der Naturwissenschaften, und selbst innerhalb der Biologen kursierte einmal der spitze Satz: „Die Entomologie wird um so wissenschaftlicher, je weiter sie sich von den Schmetterlingen entfernt.“
Nun wird niemand bestreiten wollen, daß es nicht das erklärte primäre Ziel aller Freizeitentomologen ist, wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Für viele, wohl die meisten, ist die Triebfeder ihrer Betätigung zunächst etwas ganz anderes: die Neugier, das Kennenlernen von Neuem, der Aufenthalt in freier Natur beim Beobachten und Sammeln, die Freude an der faszinierenden Ästhetik von Insekten. All dies schafft emotionale oder intellektuelle Befriedigung, darüber hinaus auch Anerkennung und Respekt in den eigenen Fach- und Freundeskreisen. Aber sehr schnell kann aus dieser Betrachtungsweise mehr werden, wenn nämlich die beobachtete Vielfalt kategorisiert wird, wenn das erarbeitete Wissen genutzt wird, um gezielt Kenntnislücken zu schließen, wenn die Reaktion von Insekten auf kleine oder größere Variation der Lebensbedingungen untersucht wird. Letztlich sind dies die drei klassischen Säulen der Biologie als Wissenschaft:
Die Bedeutung dieser Naturgeschichte, des genauen und umfassenden Kennens und Erkennens der Tiere und Pflanzen, als unverzichtbare Grundlage für die Organismische Biologie als wissenschaftliche Teildisziplin — diese Bedeutung wird heute in der deutschen Forschungslandschaft leider kaum gesehen und wenig anerkannt. Man staunt nicht selten, wie wenig manche Spezialisten in Teildisziplinen der Biologie über die natürliche Lebensweise und Verbreitung „ihrer“ Studienorganismen wissen, mit denen sie unter Umständen über Jahre hinweg kostenintensive Forschungen mit komplizierten Meßmethoden durchführen.
Und auch in der universitären Ausbildung der Studenten wird die klassische Organismische Biologie, für die sich die Insektenwelt dank ihrer unglaublichen Vielfalt als Lehrbeispiel geradezu aufdrängt, zugunsten vermeintlich „moderner“ Konzepte und Methoden und unter dem Diktat von Studienzeitverkürzungen immer mehr in den Hintergrund geschoben. Man muß es — aus der Sicht eines Hochschullehrers: leider — zugeben: viele Freizeitentomologen sind heute hinsichtlich ihrer Formenkenntnis oder ihres Wissens um ökologische Zusammenhänge von Insekten mit ihren Lebensräumen der Mehrzahl der Absolventen eines Biologiestudiums gründlich überlegen.
Einen unschätzbaren Beitrag haben Freizeitentomologen vor allem zu drei Bereichen geleistet: in der systematischen Erfassung und Beschreibung der Arten- und Formenvielfalt, in der Erfassung und Kartierung der Verbreitung der Arten sowie in der Dokumentation der Lebensweise der einzelnen Arten.
Angesichts der ungeheuren Artenfülle der Insekten — aktuelle Schätzungen schwanken zwischen 5 und 30 Millionen Insektenarten auf der Erde — ist es für die vergleichsweise kleine Zahl hauptberuflicher Fachwissenschaftler vollkommen ausgeschlossen, die Vielfalt der Arten, ihrer geographischen Verbreitungsmuster und Lebensäußerungen in angemessener Zeit auch nur annähernd vollständig zu bearbeiten. Aber genau dies sind die Fragen, die sich in der anhaltenden Biodiversitätskrise immer drängender stellen: wie viele Arten gibt es wo, und was benötigen sie dort zum Überleben?
Die Schmetterlinge und Käfer, die traditionellen Lieblinge der Freizeitentomologen, sind nicht nur wegen ihres Artenreichtums und ihrer ökologischen Bedeutung heute wichtige Modellbeispiele für die Suche nach Antworten auf die skizzierten Fragen. Nein, es ist vor allem der im Vergleich zu anderen Tiergruppen überragend gute Kenntnisstand, der diese Insektenordnungen für viele faszinierende Fragen der Biologie überhaupt erst zugänglich macht, und einen Großteil dieser über Generationen angesammelten Erkenntnisse verdanken wir den Liebhaberentomologen.
Somit will ich einige der Verdienste der Liebhaberentomologie zusammenfassen in den folgenden drei Thesen:
1. Vor allem im Bereich der beschreibenden Teildisziplinen hatten und haben Freizeitentomologen ganz entscheidenden Anteil an der Erarbeitung von Erkenntnissen und Informationen.Aus dem Vorstehenden wird klar, daß ich überzeugt bin von der Bedeutung, die entomologische Vereine wie der Apollo und selbstverständlich auch naturkundliche Gesellschaften anderer Richtungen für die Entwicklung und den Stand der biologischen Wissenschaften hatten und haben. Wie aber sehen die Perspektiven für das begonnene 21. Jahrhundert aus? Ich will dies an vier kritischen Beispielen kurz beleuchten, die mit den Schlagworten Naturschutz, Insektenbörse, Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaft charakterisiert werden können.2. Über die Entomologie als „Hobby“ haben viele Fachwissenschaftler erst den Weg zu ihrem späteren Beruf (ihrer Berufung?) gefunden, und viele Amateurentomologen sind — obwohl oft ohne universitäre Ausbildung — zu weltweit anerkannten und gefragten Experten geworden.
3. Angesichts der Artenfülle der Insekten sind die „Berufsentomologen“ auf die Unterstützung durch Amateure sogar angewiesen. Zusammenschlüsse von Insektenkundlern wie der Entomologische Verein Apollo, die Amateure und Fachwissenschaftler zusammenführen und durch ihre Organisation und Struktur den Entomologen jeglicher Herkunft eine „Heimat“ bieten, tragen demnach in bedeutender Weise zur wissenschaftlichen Kultur in unserer Gesellschaft bei, auch wenn dies nicht immer im wünschenswerten Maße sichtbar oder anerkannt wird.
• Naturschutz: Dies ist heute vielfach der sensibelste Punkt in der Perzeption der Entomologen durch die veröffentlichte Meinung, werden doch „Sammler“ oftmals unkritisch (und fast stets zu Unrecht) für das Aussterben von Insektenpopulationen verantwortlich gemacht. Seit über 15 Jahren müssen Entomologen mit immer restriktiveren Bestimmungen leben, die ihre Freilandarbeit massiv erschweren, bürokratisch hemmen oder gar unmöglich machen. Hier gilt es, hartnäckig und geduldig durch offene Information aufzuzeigen, daß es gerade diejenigen sind, die die verschiedenen Organismenarten wirklich kennen und erkennen (also zum Beispiel die Entomologen), die als einzige überhaupt den Rückgang, gar das Aussterben von Arten bemerken und daher Alarm schlagen können. Aus der Sicht des Naturschutzes sind die Entomologen eigentlich unverzichtbare Partner, die bei der Konzeption und Überwachung von Naturschutzvorhaben, bei Pflegeplänen oder gegebenenfalls geplanten Wiedereinbürgerungsversuchen ebenso bedeutsam sein sollten, wie es die Liebhaber von Vögeln oder Blumen heute schon sind. Sicher gab und gibt es „schwarze Schafe“ (wie kommerzielle oder verantwortungslose Massensammler), aber diese sind eine kleine Minderheit. Die entomologischen Vereine selbst sollten hier aktiv werden (und sind es zumeist längst geworden durch Verpflichtung auf einen Ehrenkodex zum verantwortungsbewußten Umgang mit der Natur), zugleich aber immer stärker und immer wieder den Kontakt zu anderen Naturschutzvereinigungen und zu den einschlägigen Behörden suchen. Letztlich ist das gemeinsame Ziel dasselbe: die Bewahrung eines möglichst großen Anteils unseres Naturerbes, und durch aktive Mitwirkung an Naturschutzfragen, bis hin zum Pflegeeinsatz mit Säge, Sense und Saatgut, muß es gelingen, auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Entomologie zu verbessern. Andernfalls droht hier das baldige Scheitern.In den vergangenen über einhundert Jahren hat der Entomologische Verein Apollo vielen Insektenkundlern eine Heimat für ihre Betätigung geboten. Seit nunmehr 20 Jahren hat der Verein sich den wandelnden Bedingungen immer mehr gestellt, und die Entwicklung der Mitgliederschaft wie auch der Vereinspublikationen bezeugt, daß auch heute noch entomologische Liebhaber- und Fachgesellschaften vital und erfolgreich sein können. Ob sich dieser Erfolg fortsetzen lassen wird, das vermag niemand zu prognostizieren. Trotz aller Schwierigkeiten sehe ich eine Vielzahl lohnender Perspektiven, und den Erfolg auf diesem Weg möchte ich dem Entomologischen Verein Apollo auf das nachdrücklichste wünschen.• Insektenbörse: Die alljährliche Insektentauschbörse ist seit jeher der Höhepunkt des Vereinsjahres des Apollo. Auf dieser Veranstaltung treffen sich nicht nur zahlreiche Entomologen aus dem ganzen mitteleuropäischen Raum zum fachlichen Austausch und zur Pflege persönlicher Kontakte. Durch ein in den letzten Jahren stetig weiter entwickeltes Begleit- und Vortragsprogramm werden auch weite Kreise der Bevölkerung angesprochen, was durch das dichte Besuchergedränge stets eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist die Börse für den Verein unverzichtbar, so zur Finanzierung der aufwendigen Vereinszeitschrift, deren Produktion in ihrer heutigen anspruchsvollen Form kostenintensiv ist. Und seit Jahren wird die Insektenbörse von den zuständigen Behörden kontrolliert, ohne daß es je zu schwerwiegenden, vom Veranstalter zu verantwortenden Verstößen gegen geltende Naturschutzbestimmungen kam. Dennoch sollen einige kritische Gedanken nicht verschwiegen werden. So scheint es mir grundsätzlich zu hinterfragen, in welchem Umfange der Handel mit aus dem Freiland entnommenen Tieren — auch in Fällen, wo dies rechtlich einwandfrei ist — heute noch zu verantworten ist. Zweifellos ist dies eine komplizierte Abwägung. Für viele ernsthafte Sammler, ja selbst für Naturkundemuseen mit einem Forschungsauftrag ist anders an dringend benötigtes Datenmaterial für wissenschaftliche Untersuchungen oft kaum heranzukommen. Dennoch sehe ich hier eine Gefahr, der freilich leicht zu begegnen wäre, wenn die Börse wieder verstärkt zum Austausch von Untersuchungsmaterial unter den Entomologen zurückkehren könnte (was ja auch der urprünglichen Intention und dem Namen „Insektentauschbörse“ entspricht) und sich der kommerzielle Handel stärker auf Tiere aus nachhaltig betriebenen Zuchten konzentrieren würde. Die wenigen, fachlich wirklich belegbaren Ausrottungen lokaler Insektenpopulationen durch den Zugriff von Sammlern sind eben auf Arten beschränkt, wo ein kommerzielles Interesse die Bereitschaft zu unverantwortbarem Handeln bei schwarzen Schafen erhöht. „Zurück zu den Wurzeln“ der Tauschbörse bei gleichzeitiger vertiefter Ausgestaltung mit Begleitprogramm für interessierte Laien wie für Fachleute könnte dieser für das Vereinsleben so wichtigen Veranstaltung eine langfristige Perspektive erhalten.
• Öffentlichkeitsarbeit: Ein wesentlicher Schritt auf dem gerade schon angesprochenen Wege muß eine verstärkte Information der interessierten Öffentlichkeit darüber sein, was Entomologen und ihre Fachgesellschaften tun und leisten. Hier haben die Entomologen sicher noch einen Nachholbedarf, zugleich aber auch ungeahnte Möglichkeiten. Diavorträge und Filme, Exkursionen und Führungen können selbst in naturfernen städtischen Bereichen die enorme Vielfalt und Faszination der Insektenwelt, und gerade auch der heimischen Fauna, einem breiten Publikum eröffnen. Beteiligung an der Schüler- wie der Erwachsenenbildung, an Ausstellungen und Konferenzen, auch die Nutzung neuer Medien (Internet): All dies sind Möglichkeiten und Instrumente, die Anliegen der Entomologie in die breitere Öffentlichkeit hinauszutragen und um Verständnis und Unterstützung für die eigenen Interessen zu werben.
• Wissenschaft: Ganz ohne Zweifel werden auch in Zukunft die in entomologischen Vereinen organisierten Insektenkundler eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung der Entomologie als Wissenschaft spielen, sei es bei der systematischen und faunistischen Erfassung oder bei der Erforschung der Lebensweise der einzelnen Arten. Insbesondere stellen entomologische Vereine auch das Reservoir für lokale und regionale Experten, die in konkreten Naturschutzfragen Behörden und Vereinigungen fachlich kompetent unterstützen und beraten können. Eine besonders entscheidende Rolle könnten aber Vereine wie der Apollo im Hinblick auf den entomologischen Nachwuchs übernehmen. Gerade der anregende Austausch mit Gleichgesinnten, die gemeinsame Exkursion, aber auch Anleitung beim Zugang zur überwältigend vielfältigen Spezialliteratur — das sind unverzichtbare Schritte, und hier bieten die meisten Universitäten notgedrungen kaum noch ein Minimalprogramm an. Die Förderung des entomologischen Nachwuchses, der ohnehin erschreckend rar geworden ist, ist eine der wichtigsten und vordringlichsten Aufgaben für die Zukunft der Entomologie. Wünschenswert wäre dazu auch, daß die in Deutschland oft noch vorhandene Kluft zwischen Amateuren und Fachwissenschaftlern weiter geschlossen wird, damit beide Seiten voneinander profitieren können.
Prof. Dr. Konrad Fiedler
Lehrstuhl Tierökologie I der Universität Bayreuth